Vertrauen in den eigenen Körper zurückgewinnen – Körperwahrnehmung und Schwindel, Teil 1
Aktualisiert: 8. Okt.
Du gehst über Kopfsteinpflaster. Die Steine sind unterschiedlich hoch, manche stehen schräg, dazwischen sind Fugen. Trotzdem setzt du einen Fuß vor den anderen, ohne nach unten zu schauen. Deine Füße spüren jede Unebenheit, Knie und Hüften gleichen aus, und dein Körper bleibt im Gleichgewicht. Oder du trägst einen randvollen Becher Wasser durch den Raum. Deine Hand hält ihn genau so fest wie nötig, dein Arm federt jeden Schritt ab, und es geht kein Tropfen daneben. Und morgens kämmst du dir die Haare, ohne in den Spiegel zu schauen. Deine Hände wissen genau, wo dein Kopf ist, wo der Scheitel liegt und wie fest sie ziehen dürfen. Möglich macht das ein Sinn, über den wir selten nachdenken: die Körperwahrnehmung. Bei Schwindel gerät genau dieses selbstverständliche Wissen oft ins Wanken. Der Boden wirkt unsicher, Bewegungen werden anstrengend, und der Körper sucht nach Halt.
Unser Gleichgewicht entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Informationen. Die Augen liefern visuelle Eindrücke, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr registriert Bewegung und Lage des Kopfes, und der Körper meldet über Muskeln und Gelenke, wo wir uns im Raum befinden. Wie wichtig dieser letzte Teil ist, zeigt eine Untersuchung des Gleichgewichtsforschers Robert Peterka: Bei gesunden Menschen, die im Hellen auf festem Boden stehen, stammen etwa 70 Prozent der Informationen für das Gleichgewicht aus der Körperwahrnehmung, rund 20 Prozent aus dem Gleichgewichtsorgan und nur etwa 10 Prozent aus den Augen (Peterka, 2002).
Körperwahrnehmung als innere Orientierung
Damit wir sicher stehen, gehen, uns drehen oder den Kopf bewegen können, braucht das Gehirn verlässliche Informationen aus dem Körper. Rezeptoren in Muskeln, Sehnen, Gelenken, Faszien und Haut senden fortlaufend Signale über Spannung, Druck, Bewegung und Position.
Diese Signale bilden eine Art innere Landkarte. Sie zeigen dem Nervensystem, wo der Körper im Raum steht, wie viel Kraft gebraucht wird und wie Bewegungen ausgeglichen werden können. Ist diese Landkarte klar, kann das Gehirn Bewegung gut einordnen und Stabilität herstellen.
Gerade bei Schwindel wird diese innere Orientierung besonders wichtig. Wenn Augen und Gleichgewichtsorgan widersprüchliche Signale senden, kann eine klare Körperwahrnehmung zum verlässlichen Bezugspunkt werden. Sie hilft, Stand, Spannung, Atmung und Bewegung wieder bewusst miteinander zu verbinden.
Warum Körperwahrnehmung das Gleichgewicht beeinflusst
Schwindel betrifft oft mehrere Ebenen gleichzeitig. Neben Augen und Gleichgewichtsorgan spielt auch eine Rolle, wie deutlich der Körper seine eigenen Signale wahrnimmt. Werden Informationen aus Haltung, Muskelspannung und Bewegung präzise verarbeitet, kann das Gleichgewichtssystem stabil arbeiten.
Auch Atmung und Muskelspannung sind eng damit verbunden. Bei innerer Anspannung wird die Atmung häufig flach, die Muskulatur spannt sich an, und der Körper richtet seine Aufmerksamkeit vor allem auf Kontrolle. Signale aus Füßen, Gelenken und Rumpf treten dabei in den Hintergrund. Orientierung kostet dadurch zusätzliche Kraft.
Hinzu kommt: Wer häufig Schwindel erlebt, ist oft in einer Art Daueraufmerksamkeit. Sie kann sich nach innen richten, auf jedes Schwanken und jede Veränderung im Körper, oder nach außen, auf die Umgebung und das, was die Augen sehen. Fachleute beschreiben bei anhaltendem Schwindel beides: eine hohe Wachsamkeit gegenüber den eigenen Körperempfindungen und eine große Abhängigkeit von visuellen Eindrücken. Haltung und Gang können dadurch steif werden (Indovina et al., 2021). Hier kann eine geübte Körperwahrnehmung helfen: Sie nimmt auch Unsicherheiten wahr, ordnet sie aber gelassen ein und richtet die Aufmerksamkeit zugleich auf Aufrichtung, Atmung und den Kontakt mit dem Boden. So entsteht ein körperlicher Zugang zu Stabilität, der besonders bei Schwindel wertvoll sein kann.
Es gibt gezielte Übungen, die die Körperwahrnehmung schulen und das Zusammenspiel von Stand, Atmung und Bewegung unterstützen. Mehr dazu findest du in meinem Newsletter. In meinem Balancepunkt-Kurs für Frauen mit Schwindel sind diese Übungen ein fester Bestandteil.
Kurz gefasst
Körperwahrnehmung unterstützt das Gehirn dabei, Haltung, Bewegung und Lage im Raum einzuordnen.
Muskeln, Gelenke, Faszien und Haut liefern einen großen Teil der Informationen für Gleichgewicht und Stabilität.
Eine klare innere Wahrnehmung kann Orientierung, Standgefühl und Sicherheit im Alltag fördern.
Deine Sylvia
Hinweis: Dieser Blog ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Bei neu auftretenden oder unklaren Beschwerden solltest du ärztlichen Rat einholen.
Quellen:Peterka, R. J. (2002). Sensorimotor integration in human postural control. Journal of Neurophysiology, 88(3), 1097–1118.Indovina, I., Passamonti, L., Mucci, V., Chiarella, G., Lacquaniti, F., & Staab, J. P. (2021). Brain correlates of persistent postural-perceptual dizziness: A review of neuroimaging studies. Journal of Clinical Medicine, 10(18), 4274.





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