Interozeption: die Signale aus dem Körperinneren – Körperwahrnehmung und Schwindel, Teil 2
Mitten in einem anstrengenden Tag merkst du plötzlich, dass deine Schultern hochgezogen sind und dein Atem ganz flach geworden ist. Vielleicht spürst du auch, dass dein Herz schnell schlägt oder dass du seit Stunden nichts getrunken hast. Dein Körper hat dir all das schon eine ganze Weile gemeldet, nur lag deine Aufmerksamkeit woanders.
Im ersten Teil ging es um die Körperwahrnehmung, die uns sagt, wo wir im Raum stehen und wie wir uns bewegen. In diesem Teil geht es um einen zweiten, ebenso wichtigen Bereich: die Wahrnehmung aus dem Körperinneren. Fachleute nennen sie Interozeption.
Was Interozeption bedeutet
Interozeption beschreibt, wie wir Signale aus dem Inneren unseres Körpers wahrnehmen: den Herzschlag, die Atmung, Hunger und Durst, Wärme und Kälte, Muskelspannung, Müdigkeit oder ein flaues Gefühl im Magen. Diese Signale laufen ständig, meist im Hintergrund. Sie zeigen uns, wie es uns gerade geht, und helfen dem Körper, im inneren Gleichgewicht zu bleiben.
Interozeption bedeutet, dass das Nervensystem Signale aus dem Körperinneren spürt, deutet und miteinander verknüpft, bewusst und unbewusst. Der Neuroanatom Bud Craig hat gezeigt, dass diese Signale im Gehirn vor allem in der sogenannten Inselrinde zusammenlaufen. Dort entsteht aus vielen einzelnen Körpermeldungen ein Gesamteindruck davon, wie wir uns fühlen (Craig, 2002). Interozeption ist damit eng verbunden mit unserem Gefühlsleben und mit der Frage, ob sich eine Situation sicher oder bedrohlich anfühlt.
Interozeption und Schwindel
Bei Schwindel spielt die Wahrnehmung aus dem Körperinneren eine besondere Rolle. Schwindel selbst ist ein Körpergefühl, und er kommt selten allein: Herzklopfen, ein flauer Magen, Wärme im Gesicht, angespannte Muskeln oder ein flacher Atem begleiten ihn oft.
Und oft ist auch Angst dabei. Angst selbst ist ein Gefühl und keine Körperempfindung wie Herzklopfen oder ein flauer Magen. Erlebt wird sie aber genau über diese Signale: im Bauch, im Hals, im Herzschlag. Deshalb sind die Wahrnehmung aus dem Körperinneren und Angst eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig.
Wie diese Signale gedeutet werden, macht einen großen Unterschied. Gerät das Nervensystem in Alarmbereitschaft, wird der Sympathikus aktiv: Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, der Atem wird flach. Wird dieses Herzklopfen dann selbst als Gefahr gedeutet, verstärkt sich die Alarmbereitschaft, und der Schwindel kann zunehmen. So kann ein Kreislauf entstehen. Fachleute beschreiben bei anhaltendem Schwindel eine hohe Wachsamkeit gegenüber den eigenen Körperempfindungen (Indovina et al., 2021). Der Körper wird dann ständig überprüft, und jede Veränderung wird zum möglichen Warnsignal.
Entscheidend ist also, wie wir mit dem Wahrgenommenen umgehen. Ein Signal zu bemerken ist das eine. Es gelassen einzuordnen, ist das andere, und genau darin liegt viel Spielraum.
Körpersignale rechtzeitig wahrnehmen
Interozeption hat eine sehr hilfreiche Seite. Wer Körpersignale rechtzeitig wahrnimmt, kann reagieren, bevor aus Anspannung Überforderung wird. Hochgezogene Schultern, ein angehaltener Atem oder ein beschleunigter Herzschlag sind oft die ersten Hinweise darauf, dass das Nervensystem in Alarmbereitschaft geht. Wer diese Hinweise bemerkt und gelassen einordnet, gewinnt Raum für eine Pause, einen bewussten Atemzug oder einen Moment des Innehaltens.
Diese ersten Hinweise zeigen, dass der Körper auf Alarm umschaltet. Wie eng das mit Angst zusammenhängt, schauen wir uns in einem eigenen Beitrag an.
Interozeption und die Körperwahrnehmung aus dem ersten Teil ergänzen sich dabei. Die eine zeigt uns, wo wir im Raum stehen. Die andere zeigt uns, wie es uns gerade geht. Gemeinsam bilden sie die Grundlage für ein Gefühl von Sicherheit im eigenen Körper.
Die Wahrnehmung aus dem Körperinneren lässt sich üben, Schritt für Schritt und in einem gut verträglichen Tempo. Mehr dazu findest du in meinem Newsletter. In meinem Balancepunkt-Kurs für Frauen mit Schwindel ist die Arbeit mit diesen Körpersignalen ein fester Bestandteil.
Kurz gefasst
Interozeption ist die Wahrnehmung von Signalen aus dem Körperinneren wie Herzschlag, Atmung, Muskelspannung oder Müdigkeit.
Bei Schwindel kommt es vor allem darauf an, wie diese Signale gedeutet werden.
Wer Körpersignale rechtzeitig bemerkt und gelassen einordnet, gewinnt Spielraum, um auf Anspannung zu reagieren.
Deine Sylvia
Hinweis: Dieser Blog ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Bei neu auftretenden oder unklaren Beschwerden solltest du ärztlichen Rat einholen.
Quellen:Craig, A. D. (2002). How do you feel? Interoception: the sense of the physiological condition of the body. Nature Reviews Neuroscience, 3(8), 655–666.Indovina, I., Passamonti, L., Mucci, V., Chiarella, G., Lacquaniti, F., & Staab, J. P. (2021). Brain correlates of persistent postural-perceptual dizziness: A review of neuroimaging studies. Journal of Clinical Medicine, 10(18), 4274.





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